Shidoshi Eike Kujaw (11. Dan):

Die Verteidigungsstrategie der Ninja


Vor der Öffnung Japans für Ausländer im Jahre 1867 (siehe auch Zeittafel Japans) war die japanische Gesellschaft feudal geprägt. Es gab verschiedene gesellschaftliche Gruppen wie Fürsten, Samurai, Bauern, Handwerker und Kaufleute. Ein Wechsel von einem Stand zum anderen war kaum möglich. Diejenigen, die zu keinem Stand gehörten, die Kastenlosen oder Ausgestoßenen (Eta), wurden verachtet.

Die Ninja, die auch Shinobi genannt wurden, waren Krieger, gehörten aber nicht zur offiziellen Kriegerkaste, den Samurai, und auch zu keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe. Sie wurden deshalb sehr gering geachtet. Auf der anderen Seite besaßen sie dadurch eine größere Freiheit, da sie nicht an den Ehrenkodex der Samurai gebunden waren.

Die herrschenden Fürsten versuchten aufgrund ihres uneingeschränkten Machtanspruchs, die Ninja unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies führte dazu, dass Ninja nicht offen auftraten, sondern in verschiedene Deckidentitäten hineinschlüpften. In dieser Situation entwickelte sich die Kampftechnik der Shinobi-Krieger. Unbrauchbare Techniken verschwanden mit der Person, die sie ausübte.

Da die Samurai durch ihre Zahl und Ausrüstung den Ninja überlegen waren, führten konventionelle Strategien zwangsläufig zur Vernichtung des Ninja. So entstanden unkonventionelle Strategien, die zwar nicht ehrenhaft aber überlebenswichtig waren.

Das prinzipielle Vorgehen der Ninja ist durch folgende Schritte charakterisiert:

1. Dem Gegner entkommen;

2. Dem Gegner ausweichen;

3. Auf den Gegner einwirken.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Vorgehen einfach und logisch. Doch einem Samurai wäre es nicht eingefallen, vor einem Gegner zu flüchten, da der Tod für einen Samurai leichter zu ertragen ist als Schande. Die Ninja hingegen konnten ohne diesen Ehrenkodex ihrem natürlichen Überlebensinstinkt folgen und das eigene Überleben an erste Stelle setzen. Der Preis dafür war eine gesellschaftliche Ächtung. Es war den Ninja allerdings sowieso nicht mehr möglich, in die Gesellschaft zurückzukehren. Die Lebensweise als Ninja war nicht gewählt, sondern war die einzige Möglichkeit zu überleben.

Unsere heutige Gesellschaft wird nicht mehr von einem Ehrenkodex oder Kastenwesen geprägt, die verlangen, den Befehlen eines Fürsten bis in den Tod zu gehorchen. Deshalb könnte sich heute jeder leicht diese Strategie zu Eigen machen.

Doch heute gibt es andere Hindernisse, die der Anwendung dieser Strategie im Wege stehen. Das eigene «Ich» ist meistens bestrebt, stark sein zu wollen. Ein Mensch stellt sich dann die Frage, warum er zurückweichen soll, wenn er selbst stark ist und die anderen schwach sind. Ein erfolgreicher Mensch weicht nicht zurück.

Diese Haltung wird durch die irrige Annahme geleitet, dass sportliche Wettkampfkategorien auf das tägliche Leben angewendet werden können: «stark» ist gleich «siegreich» bzw. «schwach» ist gleich «unterlegen». Dahingegen kann im Kampf ums Überleben ein vermeintlich Schwächerer mit Hilfe einer Waffe leicht einen Stärkeren verletzen oder töten. Wenn z. B. der Stärkere aus dem Zusammenstoß siegreich hervorgeht, der Schwächere sich zurückzieht und später aus einem Hinterhalt eine Waffe benutzt.

Der einzige Weg, unbeschadet zu bleiben, ist folglich, jedem Kampf aus dem Weg zu gehen. Mit dieser Erkenntnis geht nun der Ninja daran, innere und äußere Hindernisse, die Verletzungen zur Folge haben können, zu beseitigen. Er versucht, der Gefahr durch Vorbeugen zu entkommen.

Innere Hindernisse sind z. B. ein hitziges Gemüt, das gerne kämpft, und mangelnde Wahrnehmung, die keine Gefahr erkennt. Äußere Hindernisse sind z. B. eine feindliche Umgebung und Freunde, die schlechte Ratschläge geben.

Diese Aufteilung in innere und äußere Hindernisse ist eine rein gedankliche Konstruktion. Man kann diese Unterscheidung auch anders bezeichnen: Geistige und körperliche Welt oder Yin und Yang. Diese Betrachtungen sollen nur die Mechanismen der Gesamtheit erklären, das heißt. diese Bezeichnungen erleichtern das Erkennen und Beeinflussen der Welt.

Diese Philosophie legen die Shinobi ihrem Training zugrunde. So wird der eigene Körper durch langes Training allmählich verändert und genauso auch der eigene Charakter. Da dem Shinobi bekannt ist, dass Körper und Geist zwei Aspekte einer Sache sind, weiß er auch, dass diese Aspekte sich gegenseitig beeinflussen. Zur eigenen Weiterentwicklung wird er folglich auch beide Aspekte in die gewünschte Richtung trainieren.

Das gleiche gilt für die Beziehung zwischen Mensch und Umgebung. Beide beeinflussen sich gegenseitig. So führt beispielsweise ein freundliches Auftreten eher dazu, dass sich andere Menschen ebenfalls freundlich gesinnt verhalten.

Diese Art zu denken führt auch zu einer Freiheit, die sich nicht durch Aussagen anderer und dem, «was schon immer so war», einschränken lässt.

Der Shinobi zielt nun darauf, durch Training seine Stärken und Schwächen zu erkennen und zu verändern, um alle - zum Teil oben genannten - Hindernisse zu minimieren. Insbesondere die eigenen Schwächen muss er verstehen und kennen, da diese ansonsten in einer kritischen Situation leicht zum Verhängnis werden können. Denn die Kenntnis der eigenen Schwächen ermöglicht es, die eigene Person richtig einzuschätzen, und man kann so vermeiden, in Situationen zu geraten, die die eigene Person überfordern. Wenn man die eigenen Schwächen genau kennt, kann man sogar mit ihnen arbeiten und zusätzliche Vorteile aus ihnen ziehen. Kennt man sie jedoch nicht, wird man diese stets umgehen und so auf einen Teil der eigenen Möglichkeiten verzichten.

Auch das Verständnis und die Wahrnehmung der Umgebung werden durch ständiges Üben verbessert. So entwickelt sich im Laufe des Trainings auch der 6. Sinn, der Gefahren erahnen lässt, bevor man sie mit den fünf Sinnen erkennen kann. Die Prüfung zum 5. Dan, der Sakki-Test, besteht daher nur aus der Überprüfung dieser Wahrnehmung. Der Prüfling muss dabei einem Schwertangriff von hinten genau im richtigen Moment ausweichen, indem er die Tötungsabsicht (Sakki) rechtzeitig wahrnimmt. Heutzutage wird dieser Test übrigens nur noch mit dem Shinai (Bambusschwert) durchgeführt.

Nun ist es gelegentlich nicht mehr möglich, einem Angriff im voraus zu entkommen, selbst wenn dieser im voraus erahnt wurde. Dann versucht ein Shinobi, diesem Angriff auszuweichen, da es so keine Rolle spielt, wie kraftvoll ein Angriff ist. Ganz bewusst setzt ein Shinobi einem Angriff nichts entgegen, da so die Energie des Angreifers ins Leere läuft. In Japan nennt man das «das Bambusprinzip». Wenn ein Sturm kommt beugt sich der Bambus, danach richtet er sich wieder auf.

Dieses Prinzip ist gegen die verschiedensten Angriffe anwendbar, wobei auch hier wieder eine gute Wahrnehmung Voraussetzung für die richtige Einschätzung des Angriffs ist. Die Art des Angriffs gibt auch vor, wie eine angemessene Reaktion aussehen muss. So vielfältig wie das Leben sind auch die denkbaren Angriffe auf das Leben; so gibt es absichtliche und unabsichtliche, körperliche und geistige Angriffe.

Wenn zum Beispiel durch einen Sturm ein Baum entwurzelt wird und dieser umfällt, steckt keine persönliche Absicht dahinter, wenn ein Mensch getroffen wird. Andererseits kann ein Mensch mit Hilfe einer falschen Information einen anderen absichtlich schädigen, ohne ihn körperlich angegriffen zu haben.

Ausweichen bedeutet, auf einen Angriff zu reagieren, so dass dieser nicht auf sein ursprüngliches Ziel einwirken kann und diesem so zu entgehen. Die Art und Weise dieses Ausweichens wird dabei von der Natur des Angriffs geprägt. Der Shinobi-Krieger erstrebt deshalb eine natürliche Antwort auf jedweden Angriff.

Diese Überlebensmethode entstand auch aus der Tatsache heraus, dass Samurai zahlenmäßig und waffentechnisch überlegen waren. Ein Shinobi versucht deshalb, vom Ausweichen zur Stufe des Entkommens zu wechseln, da eine Niederlage gegen einen überlegenen Gegner leicht eintreten kann. Er nutzt dabei die Zeit während des Ausweichens, um das Verhalten des Angreifers einzuschätzen. Kann er nicht entkommen, so nutzt er dies, um aus einer günstigen Position heraus, auf den Gegner einzuwirken.

Diesen letzten Schritt versucht ein Shinobi immer zu vermeiden, da auch der Sieger in einem Kampf nicht unverletzt bleibt. Aus der überlieferten Erfahrung wusste er, dass mit zunehmender Schwere der Verletzungen des Gegners auch die eigenen Verletzungen schwerer werden. So heißt es, dass man sich ins Fleisch schneiden lassen muss, wenn man die Knochen des Gegners brechen will. Diese einfache Erkenntnis wird schnell vergessen, wenn jemand in vielen Spielfilmen Helden sieht, die unverletzt eine große Anzahl von Bösewichten aus offenen Positionen vernichten.

Ein Ninja dagegen versucht, aus möglichst sicheren Positionen auf den Gegner einzuwirken. Diese Positionen lassen ihn fast nie heldenhaft erscheinen, gefährden dafür aber den Ninja so wenig wie möglich. Sobald sich durch sein Einwirken neue Fluchtgelegenheiten bieten, entkommt der Ninja.


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