Der nachfolgende Artikel stammt aus der Zeitschrift Budô-Sport in Hessen 2/1995, ISSN 0947-7675, S. 34-36. Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Gerhard Schönberger.

Kosshi Kihon Sanpo-no-gata

 

Ichimonji No Kamae

Hichô No Kamae

Jûmonji No Kamae

 

Hoshu Kihon Goho-no-gata

 

Omote Gyaku Dori

Omote Gyaku Tsuki

Ura Gyaku Dori

Musha Dori

Ganseki Nage

Das «Koppo» des Kihon Happo

von Shidoshi Dr. Gerhard Schönberger (5. Dan).

Über das Kihon Happo, die Übungsform der acht Grundmöglichkeiten der Gyokko-ryû (folgt), das neben dem Sanshin-no-gata das wichtigste Kata im Bujinkan Ninpo Taijutsu ist, gibt es viele Missverständnisse. Es wäre eine Leichtigkeit, ein ganzes Buch mit und über auch nur eine einzige Technik des Kihon Happo zu verfassen. Zum besseren Verständnis sei darauf verwiesen, dass «Koppo» ein Begriff ist, auf den man in der Regel im Zusammenhang mit dem Taijutsu des Koto-ryû Koppojutsu stößt, der jedoch auch - wie im vorliegenden Fall - sowohl in den Kampfkünsten als auch in anderen traditionellen japanischen Künsten stellvertretend für die Quintessenz einer Sache steht.

Die meisten Kampfsysteme betonen den Stellenwert von fest vorgeschriebenen Bewegungsformen in Angriff und Verteidigung und setzen ihr ganzes Selbstvertrauen auf systematisierte und katalogisierte Techniken. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es einst Zeiten gab, in denen Kampftechniken keine Namen besaßen. Die lange währenden kriegerischen Perioden der japanischen Geschichte brachten es mit sich, dass eine kaum überschaubare Anzahl von Kampftechniken entwickelt wurde, deren einziger Sinn darin bestand, den Ausübenden am Leben zu erhalten. Diese Techniken konnten nur dann weitergegeben werden, wenn sie sich im realen Kampf bewährten. Es gab keine stilisierten Formen. Wenn die Technik nicht «funktionierte», so ging sie mit ihrem Anwender unter. Ein Bujin, der eine spezielle Technik bzw. Variante entwickelt hatte, behielt diese wie eine «Geheimwaffe» für sich und teilte sie unter keinen Umständen einem anderen mit. Erfuhr ein Gegner von dieser Technik, so bedeutete dies nicht nur den Tod des Bujin, sondern in der Regel auch den seiner Familie. Daher wurden die Techniken auch nicht aufgeschrieben, sondern mündlich von Generation zu Generation weitergegeben: vom Vater auf den Sohn, vom Lehrer auf den Schüler. Namen von Techniken entstanden erst in länger währenden Friedenszeiten, als einzelne Ryû damit begannen, aufgrund der mittlerweile vorhandenen Menge von einander ähnelnden Techniken (Henka) diese zur besseren Unterscheidung zu benennen. Hatsumi Sôke weist immer wieder auf dieses Verständnis hin, dass nichts im Budô einen Namen besitzt!

Das Kihon Happo lehrt, auf acht verschiedene grundlegende Angriffsformen zu reagieren. Es unterteilt sich in Kosshi Kihon Sanpo-no-gata (drei grundlegende Schlagtechniken) und Hoshu Kihon Goho-no-gata, auch Torite Kihon-gata Goho-no-gata genannt (fünf grundlegende Greiftechniken). Das Kihon Happo ist jedoch mehr als eine festgelegte Übung von acht Bewegungsformen. Wichtiger als die reinen Bewegungen, die mit einiger Hingabe leicht von jedem erlernt werden können, ist das Verständnis einer jeden einzelnen dieser Formen, von denen keine für sich allein steht, sondern jede vielmehr Anfang und Ende zugleich darstellt. Eine starr festgelegte Form des Kihon Happo existiert schon aufgrund der Tatsache, dass jedes Individuum verschieden ist und sich daher entsprechend anders bewegt, nicht. Jeder muss einen eigenen bzw. den für sich optimalen Weg finden, weshalb es auch wichtig ist, dass das Kihon Happo weltweit geringfügig anders gelehrt wird. Die Betonung liegt hierbei jedoch auf «geringfügig», denn keinesfalls darf man Kihon Happo auslegen, wie man will. Dies hieße, die dem Kihon Happo zugrunde liegenden Prinzipien zu verfremden. Ein erfahrener Bujin erkennt schnell anhand einfachster Bewegungen, ob jemand die Grundlagen beherrscht oder nicht. Hierbei ist nicht die Form ausschlaggebend, sondern die Korrektheit der Bewegungen.

Oft ist zu hören, dass jemand Kihon Happo in einer anderen Form oder aber mit anderen Techniken gesehen habe bzw. Kihon Happo auf verschiedene Art und Weise gelehrt worden sei. Wer dies sagt, hat Kihon Happo noch nicht verstanden bzw. verinnerlicht und befindet sich noch auf der Ebene des reinen Nachahmens von Bewegungen anderer. Dieser Abschnitt ist jedoch ein unumgängliches und durchaus bedeutendes Moment in der Entwicklungsphase eines jeden, der im Bujinkan Dojo trainiert. Sobald man jedoch erst einmal «laufen» gelernt hat, folgt in der Regel das Verständnis, dass nicht nur der direkte Weg, sondern auch Abkürzungen und Umwege an das erwünschte Ziel führen.

Kihon Happo bildet eine harmonische Einheit, die es dem Aus|benden durch sinnvolle Kombination der verschiedenen Techniken und unter Ber|cksichtigung der Gesetzmd_igkeiten des Kihon Happo ermvglicht, sich gegen beinahe jegliche Form von Angriffen zur Wehr zu setzen. Toshitsugu Takamatsu Sensei, der 33. Gro_meister der Togakure Ry{, sagte einst zu seinem Sch|ler Dr. Masaaki Hatsumi, dem heutigen Sôke des neun traditionelle Ryû vereinenden Bujinkan Dojo:

«Als ich Gyokko Ryû Kosshijutsu Kihon Gata gelehrt wurde, fand dies in dieser einfachen und grundlegenden Form statt - den acht Möglichkeiten oder Wegen. Ich lernte, dass dieses Kihon Happo die Urform jeglichen Budô ist. Aus diesem Grund sage ich auch zu Dir: sieh dieses Kata als die Grundlage an und lehre es so Deinen Schülern!»

Das Kihon Happo ist die Grundlage aller unbewaffnet und bewaffnet ausgeführten Techniken und schult neben allgemeinen Grundtechniken eine Vielzahl von für den weiteren Lernprozess im Bujinkan Dojo und für den realen Kampf wichtigen Komponenten. Hatsumi Sensei sagt zu Recht, dass jemand, der Kihon Happo nicht kenne, nicht über wahres Budô, d.h. über realen Kampf, sprechen könne und betont stets aufs Neue:

«Ninjutsu ist Taijutsu. Taijutsu beginnt und endet mit Kihon Happo. Kehre im Zweifelsfall immer zu den Techniken des Kihon Happo zurück!»

Sôke lehrt uns, dass «Leben» das Wichtigste im Budô ist. Mit Kihon Happo verhält es sich genauso: Kihon Happo ist etwas Lebendes, sich Veränderndes und nichts Starres oder Totes. Wer Kihon Happo kann, vermag fast alles darauf aufzubauen: ob unbewaffnet (Taijutsu) oder bewaffnet (Budogu). Der Schlüssel hierzu liegt in der Fuß- und Beinarbeit.

Nachfolgend ist das Kihon Happo zunächst gemäß seinen inhaltlichen Schwerpunkten vorgestellt und anschließend einzeln in lediglich einer der momentan im Bujinkan Dojo Frankfurt am Main gelehrten Formen erläutert.

1.       Drei grundlegende Schlagtechniken

1.1     Techniken aus Ichimonji No Kamae (empfangende Kampfstellung)

1.1.1  Jôdan-uke (Block obere Stufe) und Gedan-uke (Block untere Stufe)

1.1.2  Nach Jôdan-uke: Schlag mit Shûto-ken (Handkantenschlag: Hidari [links] oder Migi [rechts]; Omote [außen] und Ura [innen]).

1.2     Techniken aus Hichô No Kamae (Einbeinstellung, «Kranich»)

1.2.1  Gedan-uke, danach Keri und Shutô-ken.

1.3     Techniken aus Jûmonji No Kamae (Angriffstellung, «Zehn-Zeichen»)

1.3.1  Links oder rechts Jôdan-uke und anschließend Shito-ken (Daumenstoß).

2.       Fünf grundlegende Grifftechniken

2.1     Omote Gyaku Dori bzw. Omote Kote Sakadori (Handgelenkhebel außen)

2.2     Omote Gyaku Tsuki (Handgelenkhebel und Schlagabwehr)

2.3     Ura Gyaku Dori bzw. Ura Kote Sakadori (Handgelenkhebel innen)

2.4     Musha Dori bzw. Gosha Dori («Kriegerfang»)

2.5     Ganseki Nage («Einen Felsen werfen»)

 

Kosshi Kihon Sanpo-no-gata

(Die drei grundlegenden Wege des Kosshijutsu)

1.       Ichimonji No Kamae

Der Verteidiger befindet sich in Hidari Ichimonji No Kamae mit dem Gesicht zum Angreifer. Der Angreifer greift mit Migi Jôdan Fudo Ken an. Der Verteidiger reagiert, indem er mit dem rechten Fuß 45° nach hinten/außen in Hidari Ichimonji No Kamae setzt und Hidari Jôdan Uke zur Innenseite des angreifenden Arms ausführt. Sofort darauf dreht der Verteidiger in Verbindung mit einem Schritt rechts nach vorne seine Hüften nach vorne und kontert mit Omote Shutô zur Halsaußenseite des Angreifers.

2.       Hichô No Kamae

Der Verteidiger befindet sich in Hidari Hichô No Kamae mit dem Gesicht zum Angreifer. Der Angreifer greift mit Migi Gedan-tsuki zum Bauch oder den Rippen des Verteidigers an; dieser senkt seine Standbein und damit seine Hüften leicht ab, blockt den Angriff mit Hidari Gedan-uke und führt Hidari Soku Yaku Keri zu den Rippen des Angreifers aus. Der Verteidiger setzt seinen Konter fort, indem er mit dem rechten Fuß einen Schritt nach vorne macht und Migi Ura Shutô zur Halsinnenseite des Angreifers ausführt.

Speziell bei diesem Kata kann man sehen, wie überflüssige Bewegungen vermieden werden. Die Hauptbewegung erfolgt in den Beinen und damit in der Hüfte, d.h. im Absenken des Körpergewichts, der Oberkörper folgt lediglich.

3.       Jûmonji No Kamae

Der Verteidiger befindet sich in Hidari Jûmonji No Kamae mit dem Gesicht zum Angreifer. Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne und greift mit Migi Jôdan Tsuki an. Der Verteidiger reagiert hierauf, indem er mit dem rechten Fuß einen Schritt 45° nach hinten/innen macht und den angreifenden Arm an der Innenseite mit Hidari Jôdan Uke blockt. In derselben Bewegung lehnt sich der Verteidiger nach vorne und führt unter Miteinbezug seines gesamten Körpergewichts Hidari Boshi Ken zu den Rippen oder der Achselhöhle des Angreifers aus, gefolgt von Hongamae zum Gesicht des Angreifers. Der Angreifer macht einen Schritt mit dem linken Bein nach vorne und greift mit Hidari Jôdan Tsuki an. Der Verteidiger reagiert hierauf, indem er mit dem linken Fuß einen Schritt 45° nach hinten/außen macht und den angreifenden Arm an der Innenseite mit Migi Jôdan Uke blockt. In derselben Bewegung lehnt sich der Verteidiger nach vorne und führt unter Miteinbezug seines gesamten Körpergewichts Migi Boshi Ken zu den Rippen oder der Achselhöhle des Angreifers aus, gefolgt von Hongamae zum Gesicht des Angreifers. Der Verteidiger beendet seine Verteidigung in Jûmonji No Kamae.

 

Hoshu Kihon Goho-no-gata (oder Torite Kihon Gata Goho-no-gata)

(Fünf grundlegende Formen, die Hand zu greifen)

1.       Omote Gyaku Dori (oder Omote Kote Sakadori)

Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne und ergreift mit seiner rechten Hand das linke Revers des Verteidigers. Dieser sichert mit seiner linken Hand von außen die Hand des Angreifers und setzt mit dem rechten Fuß zurück, um das Gleichgewicht des Angreifers zu brechen und seinen Arm zu strecken. Der Verteidiger duckt sich nun bzw. dreht sich leicht nach hinten weg, fügt seine Füße parallel zusammen und benutzt beide Hände, um die Hand des Angreifers gerade nach oben zu drücken. Hierauf setzt der Verteidiger mit seinem linken Fuß zurück und führt am rechten Arm des Angreifers Omote Gyaku Dori aus. Omote Gyaku Dori bricht - richtig ausgeführt - das Handgelenk, den Ellbogen und die Schulter des Gegners.

2.        Omote Gyaku Tsuki

Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne, ergreift mit seiner rechten Hand das linke Revers des Verteidigers und führt mit seiner linken Hand einen Schlag zum Gesicht des Verteidigers aus. Dieser sichert mit seiner linken Hand von außen die Hand des Angreifers und setzt mit dem linken Fuß nach vorne/außen (um das Gleichgewicht des Angreifers zu brechen und die Wirkung des Schlages abzuschwächen) und führt Migi Jôdan Uke gegen den angreifenden Arm aus. Der Verteidiger benutzt nun beide Hände, um den Griff des Angreifers zu lösen und dessen Hand unter gleichzeitiger Absenkung des Körpergewichts gerade nach oben zu reißen. Danach setzt er mit dem linken Fuß zurück und führt Omote Gyaku Dori zum rechten Arm des Angreifers aus.

3.        Ura Gyaku Dori (oder Ura Gyaku Sakadori)

Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne, ergreift mit seiner rechten Hand das linke Revers des Verteidigers. Dieser gibt dem Druck des Angreifers durch Tai Sabaki in Form eines Schrittes mit dem linken Fuß nach hinten nach und führt mit seiner rechten Hand eine kreisförmige Bewegung über das Gesicht des Angreifers aus, wobei er das Handgelenk der zupackenden Hand ergreift. Nun benutzt der Verteidiger beide Hände, um den Griff des Angreifers zu lösen, setzt rechts zurück und führt Ura Gyaku Dori zum rechten Arm des Angreifers aus.

4.        Musha Dori (oder Gosha Dori)

Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne, ergreift mit seiner rechten Hand das linke Revers des Verteidigers. Dieser sichert mit seiner linken Hand die Hand des Angreifers und macht mit dem linken Fuß einen Schritt nach hinten; zur selben Zeit führt er Migi Ura Shutô zur Halsinnenseite bzw. Hongamae zum Gesicht des Angreifers aus. Der Verteidiger macht nun mit links einen Schritt nach vorne und führt seinen linken Arm von innen nach außen/unten über den Ellbogen des Angreifers und führt Musha Dori aus.

Musha Dori war eine Spezialtechnik von Toshitsugu Takamatsu Sensei. Die Technik stammt aus der Musashi Ryû, deren Krieger sich allein mit dieser Technik gegen beinahe jeden Angriff verteidigen konnten.

5.        Ganseki Nage

Der Angreifer macht einen Schritt rechts nach vorne, ergreift mit seiner rechten Hand das linke Revers bzw. den linken Oberärmel des Verteidigers. Dieser setzt mit dem linken Fuß einen Schritt zurück und reißt seinen linken Arm nach unten, um das Gleichgewicht des Angreifers zu brechen. Nun macht der Verteidiger mit dem linken Fuß einen Schritt nach vorne vor dem rechten Bein des Angreifers vorbei zu dessen linken Fuß und bringt gleichzeitig hierzu seine linke Hand hinter dessen Arm bzw. Ellbogen nach oben. Der rechte Arm des Angreifers muss nun zwischen dem linken Arm und dem Nacken des Verteidigers eingeklemmt sein. Die linke Hand des Verteidigers befindet sich in der Nähe des rechten Ohres des Angreifers, die rechte Hand ist ebenfalls nach oben gehoben (insgesamt wie Hoko No Kamae). Der Verteidiger dreht nun seine Hüften nach rechts, ohne sich dabei nach vorne zu lehnen, und wirft auf diese Weise den Angreifer nach vorne.

Takamatsu Sensei zeigte den Wurf kurz vor seinem Tod in der Form, dass man - wenn man den Wurf am rechten Arm des Gegners ausübt - mit der rechten Hand die linke Hand des Gegners festhält und mit dem linken Arm dessen Arm zusammen mit der Schulter fest einklemmt. Der Wurf an sich erfolgt ohne Kraftanstrengung über eine Drehung der Hüften nach rechts, wobei man mit dem linken Bein beide Beine des Gegners blockiert.

Hatsumi Sensei betont immer wieder, dass die Form des Ganseki Nage bzw. die diesem Wurf zugrunde liegende «Methode» die Urform eines jeglichen Wurfes ist. Jeder sollte damit fortfahren, die abertausend Variationen und unzählbaren Abänderungen dieses Wurfes zu üben.

Kihon Happo kann allein oder mit einem und mehreren Partnern geübt werden. Wenn man mit einem Partner übt, ist es wichtig, dass dieser stets richtig angreift und in den gegebenen Formen entsprechend zuschlägt. Es gibt eine traditionelle, vom Meister auf den Schüler weitergegebene Regel, die wie folgt lautet:

Ein Schlag gegen ein imaginäres Ziel ist erst dann richtig ausgeführt, wenn man dabei spürt, wie das Ziel dem Schlag auszuweichen versucht.

Das Kihon Happo sollte immer wieder geübt werden. Die Hälfte der Trainingszeit sollte darauf verwendet werden, das Kihon Happo in allen Aspekten zu perfektionieren, bis die Bewegungen als einfach und natürlich empfunden werden und zu unbewusst ausgeführten Reflexen werden. «Moko» Toshiro Nagato Shihan sagte einmal, dass Kihon Happo wie eine Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten stehe, zwischen welchen man ein gesundes Gleichgewicht aufrechterhalten müsse.


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