Roger Westerweller (3. Dan):

Kampfkunst und Gewaltprävention

 


 

Wie entsteht Gewalt?

 

Sozio-biologischer Ansatz (nach Konrad Lorenz):

 

Gewalt ist der Ausdruck von spontanen in rhythmischen Abständen auftretenden Aggressionstrieben, welche sich durchsetzen.

Problem:      Es gibt keine instinktartig festgelegten Grenzen wie bei den Tieren (z.B. Kehle darbieten).

Lösung:        Der Aggressionstrieb müsste auf sozial verträgliche Art und Weise abbaubar sein, z.B. durch Kampfkunst.

                    Dadurch Ausleben des Gewalttriebes.

 

Lorenz verwarf seine eigene These am Ende seines Lebens, weil sie zu einseitig und nicht belegbar ist.

 

 

Lerntheoretische Erklärung von Gewalt (Vertreter Jens Weidner):

 

Gewalt ist gelernt.

Es findet eine Unterscheidung in zwei verschiedene Formen statt:

1)    Verstärkungslernen:    Durch Erfolge mit der Anwendung von Gewalt oder durch Lob seitens Dritter wird die Person

                                         positiv gestärkt.

2)    Lernen am Modell:    Beispiele aus der Gesellschaft, die Gewaltmodelle darstellen und die Attraktivität von Gewalt

                                       verkörpern und somit dazu animieren es ihnen gleich zu tun (z.B. ehemaliges Talibanregime).

 

 

Mytho-poetische Erklärung von Gewalt (Robert Bly, Götz Haindorf):

 

Gewalt hat mit archaischen Energien zu tun, die in bestimmten Phasen menschlicher Entwicklung (besonders in der Adoleszenz)

zum Ausdruck kommen und verarbeitet/strukturiert werden müssen . Sie gehen von einem kollektiven Unbewussten aus und

werden in Arche-Typen strukturiert (Arche-Typen des Kriegers und des Liebhabers). Beides sind große Energien und müssen

"durchgearbeitet" werden.

Als Beispiel: Ansatz Boxen: Durchs Leben boxen, Ehrfurcht, Respekt, Setzen von Grenzen. Der Junge hat den Zorn und nicht

der Zorn den Jungen. Allerdings ist die idealisierte Sicht des Boxens nicht zutreffend.

 

 

Gewalt-Motive

 

Psychopathische schizoide Struktur:

Damit sind Menschen gemeint, welche von Geburt an in traumatischen Verhältnissen leben und nicht in der Lage waren ein

Gefühl von existentieller Sicherheit zu entwickeln. Jeder schräge Blick wird als existentielle Bedrohung wahrgenommen und

auch entsprechend darauf reagiert. Aufwachsen in einem Milieu mit realen Bedrohungen körperlicher Natur führt dann zu

unkontrolliertem Gewalteinsatz.

 

 

Erreichen eines Kicks, Rauschzustandes:

Situationen, in denen Gewalt dazu führt, dass Gefühle von Allmacht, Grandiosität (Rauschzustand) entstehen. Dies ist eine an

sich paradoxe Situation. Obwohl eine große Bedrohung durch Gewalt besteht, fühlen sich diese Personen ungemein lebendig

und vital. Durch dieses "aufgehen" in der Situation wird eine Erfahrung von Identität gemacht, dem ganz bei sich sein

(Flow-Erlebnis -> sich der Situation auszuliefern, Grenzen transzendieren).

 

 

Persönlichkeitsstruktur, in der Gewalt ein Element von Macht und Kontrolle ist:

Entwicklung findet in der Kleinkindphase durch unterdrücken/kontrollieren der Autonomiebestrebungen statt. Dadurch entsteht

die Folgerung: Ich muss alles kontrollieren/ immer die Kontrolle bewahren. Dies muss nicht zwangsläufig durch Gewalt geschehen

(z.B. um den Finger wickeln), ist aber sehr oft der Fall.

 

 

Gewalt als Befreiungsstrategie (Männer gegen Männergewalt):

Gewalt ist das Resultat einer zu hohen Kontrolle von Emotionen ("auf den Emotionen sitzen"). Dies ist antrainiert (z.B. "Männer

müssen sich zusammenreißen"). Verlust der Kontrolle erfolgt schon bei Kleinigkeiten und diese werden von der Person oft

selbst provoziert. Dadurch erfolgt ein Entziehen der eigenen Kontrolle und Struktur und somit eine Befreiung.

 

 

Die Kollektivität von Gewalt:

Hierbei erfolgt durch Gewalt die Festigung der kollektiven Identität und der Zusammenhalt der Gruppe (z.B. Hooligans, Punks,

"hält mein Kumpel wirklich die Fresse für mich hin?"). Provokation werden durch Unterschiede von außen (imaginäre Bedrohungen)

erzeugt. Es ist ein gezieltes Aufsuchen von Orten, wo solche Bedrohungen auftreten könnten (z.B. Volksfest) festzustellen.

 

 

Differenzierung Kampfsport - Kampfkunst (nach Dr. Jörg-Michael Wolters)

 

Zu Kampfsport:

Kampfsport beinhaltet immer Wettkampf. Ein offensiv-aggressives Verhalten führt zum Erfolg. Dadurch erfolgt eine Bestärkung

von Schlägern (Lernen am Erfolg, Lerntheoretischer Ansatz). Der Gewinner ist der Erfolgreiche.

Dadurch wird Gewalt sozusagen kultiviert. Aus diesem Grund kann Kampfsport aus seiner inneren Struktur heraus nicht wirklich

gewaltmindernd wirken.

 

 

Zu Kampfkunst (Budô = geistige Haltung einen Konflikt zu vermeiden):

Der Gegner ist immer das eigene ich (z.B. Gier, Wut, Selbsttäuschung). Dieses ich gilt es zu überwinden bzw. zu kontrollieren.

Ein weiterer Punkt ist Bescheidenheit und Demut. Ein "Meister" wird sich selbst immer noch als Anfänger betrachten,

welcher am Anfang seines Weges steht.

Man muss durch das Prinzip Kampf hindurch, um das Kämpfen lassen zu können. Dadurch wird die Gewalt überwunden.

Zusätzlich erfolgt eine Beeinflussung der eigenen Psyche durch das Einüben einer "aufgerichteten Haltung" (innerlich und äußerlich),

unter anderem durch den spirituellen und philosophischen Hintergrund (z.B. Taoismus, Buddhismus) der meisten Kampfkünste

(z.B. durch Meditation).

Ein weiterer Unterschied existiert in der Lehrer-Schüler-Beziehung in der Kampfkunst im Gegensatz zur Trainer-Athleten-Beziehung

im Kampfsport.

 

 

Erkenntnis:

Vom Kampfsport ausgehend und seiner sportlich-athletischen Ausrichtung sollte der Übergang zur Kampfkunst mit ihren spirituellen,

philosophischen und meditativen Elementen erfolgen. Erzieherische Erfolge ereignen sich zwischen Kampfsport und Kampfkunst.

 

 

Pädagogische Ziele (und deren Umsetzung)

 

"Verlernen" von Gewalt durch die positive Verstärkung verbalem Konfliktverhaltens.

 

Desensibilisierung in Bezug auf Provokationen und daraus resultierender Gewalt.

 

Kontrolle von Wut, Zorn und ähnlichen Gefühlen durch Verbesserung der Selbstbeherrschung und Selbstsicherheit.

 

Konzentration/Arbeiten mit/an der eigenen Person, dem eigenen ich (innere + äußere Haltung, z.B. Meditation),

         Sich-selbst-bewusst-werden.

 

Sozialer Halt in der Gruppe, Lehrer-Schüler-Beziehung (existentielle Sicherheit, Zufluchtsort).

 

Handlungskompetenzen erweitern (Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Disziplin, Konzentrationsfähigkeit, Selbstbehauptung).

 

Anreger/Auslöser vermeiden/aus dem Weg gehen (Etwas, auf das keine Lust besteht oder man nicht respektiert/beachtet wird).

 

moralische Hemmungen aufbauen (z.B. beliebte Person, Person mit viel Macht)

 

Aggressives Verhalten anders Bewerten (nicht als Opfer fühlen und dadurch Gewalt rechtfertigen, sondern aktiv entscheiden,

         Eigenverantwortung übernehmen).

 

alternatives Verhalten aufzeigen, z.B. durch Selbstreflektion. An Grenzen stoßen, um Anreiz für neues Verhalten zu schaffen,

         da altes Verhalten nicht (mehr) genügend Vorteile bietet.

 

 

Fazit

 

Wenn man die genannten Ziele der Pädagogik zur besseren Kontrolle des Gewaltpotentials mit den Zielsetzungen in der Kampfkunst

vergleicht, finden sich viele Gemeinsamkeiten. Ein direkter Einstieg in die Kampfkunst ist aber sicherlich nicht sinnvoll, da dazu erst

eine gewisse Einstellung und auch Selbstsicherheit vorhanden sein müssen, damit dieser Personenkreis einen problemlosen Zugang bekommt.

Dieser lässt sich durch die stärkere konditionelle und körperliche Ausprägung im Kampfsportbereich sehr gut erlangen. Beim Übergang

zur Kampfkunst kommen dann zu der bereits erworbenen "körperlichen" Sicherheit eine spirituelle und philosophische Ebene, welche

die Betrachtung einer Situation aus anderen Perspektiven und Einstellungen heraus erlaubt, sowie die Reflektion der eigenen Handlungen.

Durch eine sinnvolle Kombination von Kampfkunst und Kampfsport kann die Frage, ob eine Gewaltprävention durch Kampfkunst/-sport

möglich ist eindeutig mit "Ja" beantwortet werden.

 


Zurück zur Bujinkan Startseite