Auszug aus: "Der Weg der Unsichtbaren" von Alexej Gorbyliow (Harvest, Minsk, 1999)


Der vorliegende Auszug wurde aus der russischen Originalausgabe übersetzt. Eine Ausgabe in deutscher Sprache liegt, soweit wir informiert sind, bis jetzt nicht vor. Eventuelle Ungenauigkeiten bzw. Fehler bei der Übersetzung bitten wir zu entschuldigen. Die Übersetzung wurde von uns nur in Bezug auf Rechtschreibfehler korrigiert. Alle Eigenamen sind unverändert. Wir danken dem Übersetzer für seine geleistete Arbeit und sein Engagement. Vielen herzlichen Dank!

Wir betrachten diesen Auszug als neutrale Beobachter und geben keine Wertung darüber ab. Es bleibt dem Leser selbst überlassen, sich eine eigene Meinung zu den geäußerten Aspekten zu bilden und, bei Bedarf, eigene Informationen darüber einzuholen.


Bujinkan-Dojo und Hatsumi Masaaki

Eine große Popularität genießt in vielen Ländern Europas und Amerikas gegenwärtig die "Ninjutsu-Schule" Togakure-Ryu, die gelehrt wird im Rahmen der Organisation Bujinkan (Haus der Kriegsgottheit), die von dem Japaner Hatsumi Masaaki (Yoshiaki) auf Grund von 9 traditionellen Bujutsu-Schulen geschaffen wurde. Zahlreiche Anhänger des Bujinkan propagieren Togakure-Ryu als die einzige authentische Ninjutsu-Schule, die bis heute erhalten geblieben ist.

Hatsumi Masaaki behauptet, er habe von seinem Lehrer Takamatsu Toshitsugu 9 alte Ninja-Schulen geerbt: Togakure-Ryu, Kumogakure-Ryu, Kuki Shinden-Ryu (Kuki Shin-Ryu), Tagaki Yoshin-Ryu, Gyoko-Ryu, Gyokushin-Ryu, Koto-Ryu, Gikan-Ryu und Shinden Fudo-Ryu. Takamatsu habe sie bei Toda Shinryuken Masamitsu und Ishitani Matsutaro, die beide mit den Ninja-Clans von Iga verbunden gewesen sein sollen, erlernt; Toda Shinryuken Masamitsu soll das 32. Oberhaupt der "ältesten Ninjutsu-Schule" Togakure-Ryu gewesen sein, Ishitani soll Nachkomme einer Chunin-Familie aus Iga gewesen sein.

Nun lasst uns versuchen, den Ursprung dieser 9 Ryu, welche die "Grundlage" des Bujinkan bilden, und ihre Verbindung zu Ninjas zu klären. Dabei wollen wir uns auf die Angaben der angesehenen Enzyklopädie "Bugei Ryuha Daijiten " stützen.

Von allen 9 Bujinkan-Schulen sind nur die ersten 2 Ryu - Togakure Ryu und Kumogakure Ryu - unmittelbare Schulen des Ninjutsu. Die restlichen 7 Schulen umfassen verschiedene Techniken des Kampfes mit und ohne Waffen. Kuki Shinden-Ryu. Diese Schule verdient eine besondere Aufmerksamkeit, weil praktisch alle Waffentechniken des Bujinkan eben dieser Schule entnommen wurden, was auch von Hatsumi nicht geleugnet wird. Außerdem ist Kuki Shinden-Ryu eine sehr einflussreiche Schule, die eine deutliche Spur in der Geschichte der japanischen Bujutsu hinterlassen hat.

Kuki Shinden Ryu  - "die göttliche Tradition der Familie Kuki" - ist Schule einer komplexen Kampfkunst (Shogo Bujutsu) und umfasst Techniken des Schwert-, Stock-, Hellebarden- und Speerkampfes, des waffenlosen Kampfes in Rüstung (Kumiuchi) und ohne Rüstung (Jujutsu), mit Sichel an der Kette (Kusarigama) sowie Shuriken-Werfen, Kampfschwimmen, Benutzung von Zünd- und Explosivstoffen und auch Knochenrichten (Seikojutsu). Wie der Name der Schule zeigt, wurde sie in der Familie Kuki weitergegeben. Als Begründer des Kuki-Clans und der Kuki Shinden-Ryu gilt Kuki Yakushimaru Kurando Takanjade, der durch seine Heldentaten in den 30ern des 14. Jh. berühmt wurde, als er an der Seite des Kaisers Godaigo gegen den Clan Hojo und den Rebellen Ashikagi kämpfte. Die Kuki-Familie gehörte zu der Schicht der Kleinfeudalen und trieb aktiv Piraterie; dadurch ist die Familie berühmt geworden, vor allem als ausgezeichnete Seefahrer. Dabei reicht es nur, den berühmten Samurai dieses Clans, Kuki Yoshitaki, den "Admiral" von Oda Nobunaga und Toyotomi Hijoshi, zu erwähnen.

Ein Enkel von Yoshitaki, Kuki Sadataka (17. h.), machte Okuni Kihei Shigenobu aus der Provinz Ijumo mit der Lehre der Familienschule bekannt; Okuni war zu der Zeit bereits das 29. Oberhaupt der Schule Tyoshui-Ryu, die einer Legende nach von Otomo Komaro, der Nahkampf beim chinesischen Meister Tchan Tshen (er war nach Japan unter Kaiserin Koken (749-758) gekommen) lernte, geschaffen wurde und als "Tyoshui-Ryu Dakenjutsu" ("Die Kunst der Fauststöße Tyoshui-Ryu) bekannt ist. Mit Okuni Shigenobu beginnt der "äußere" Zweig (im Gegensatz zum "inneren" Zweig der Familie Kuki) der Kuki Shinden-Ryu, deren Tradition Hatsumi Masaaki geerbt haben soll. Es gibt keine Beweise, dass die Familie Kuki mit Ninjas zu tun gehabt hätte; ebenso gibt es keine Hinweise darauf, dass diese Familientradition an irgendeinen "Unsichtbaren" weitergegeben wurde. In historischen Quellen wird zwar erwähnt, dass Okuni Kihei später Yamabushi auf dem Berg Kumano wurde, doch das geschah in der 2. Hälfte des 17. Jh., als die Yamabushis schon längst nicht mehr so kriegerisch waren und Ninjutsu langsam erstarb. Das Kukishinden-Ryu nichts mit Ninjas zu tun hatte, beweist die Technik der Schule selbst, was auch die vor kurzem veröffentlichten Videos von Hatsumi beweisen, in denen die Waffentechniken (mit Schwert, Lanze und Stock) in schwerer Samurai-Rüstung Hyeroi vorgeführt werden! Die "geheime Ninja-Technik" des Schwertkampfes in der Kukishinden-Ryu geht auf solche "Samurai"-Schulen zurück wie z.B. Katori Shinto-Ryu (Okuni Kyojaemon-no Jo lernte sie beim Meister Takatani Genjaemon) und Bokuden-Ryu, gegründet von einem der Schüler von Tsukahara Bokuden, der Nachfolger von Katori Shinto-Ryu und Gründer der Kasima Shinto-Ryu war. Aus diesem Grunde ist praktisch die ganze Technik des Waffenkampfes und ein Teil der waffenlosen Kampftechniken des Bujinkan in keiner Weise mit den Traditionen des Nahkampfes der Ninja verbunden.

Tagaki Yoshin-Ryu, eine weitere Schule, die zum Programm des Bujinkan gehört, ist mit der Kuki Shinden-Ryu verwandt. Tagaki Yoshin-Ryu - "die Schule des sich erhebenden Herzens der Familie Tagaki" - ist ein Zweig einer der größten Schulen des japanischen Bujutsu Tagaki-Ryu. Sie umfasst Techniken des Stock-, Speer, Hellebardenkampfes, Shuriken-Werfen und Jujutsu. Einer Legende nach wurde Tagaki-Ryu von einem buddhistischen Mönch Unryu - "ziehende Wolke" - aus der Provinz Rikujen, im Norden von Honshu geschaffen. Das geschah im Jahre 1570. Unryu hat seine Lehre einem gewissen Ito Kii-no Kami Suketade vermittelt, der die Technik des Langstockkampfes (Bojutsu) zur Grundlage seines Systems machte und Techniken des Speer-, Hellebarden-, Kurzstock-, Schwert- und Kodachi-Kampfes erschuf. Seit Anfang des 17. Jh. wird diese Tradition in einer kleinen Samurai-Familie Tagaki, die den Fürsten Shiroishi diente und den eigenen Namen dieser Bujutsu-Schule verlieh, weitergegeben. Eine große Rolle bei der Entstehung der Tagaki-Ryu spielte Tagaki Oriuemon Shigetoshi (1625-1711), der zu der bestehenden Technik bestimmte Sumo-Techniken hinzufügte und ein System des waffenlosen Kampfes (Taijutsu) schuf.

Oriuemons Können war so ausgezeichnet, dass er schon zu Lebzeiten legendär wurde. In einer Version seiner Biographie wird behauptet, er sei Nachkomme eines berühmten Geschlechts Ogasawara gewesen, verlor in einem Kampf seinen Herrn, wurde zum Ronin, diente aber später dem starken Clan Mori. In einer anderen Legende heißt es, er habe einen Wettkampf gegen das Oberhaupt der Schule Takenouchi-Ryu, Hitachi-no Suke Hishikatsu, verloren und musste zu seinem Schüler werden, wodurch er seine eigene Kunst noch mehr perfektionierte. Wegen seiner herausragenden Meisterschaft in Bujutsu wurde er 1695 zum Hauptlehrer in 6 Kampfkünsten des Fürstentums Owari. Später diente er als Leibwächter bei Narushe Hayato und bekam für seinen Dienst 300 Koku pro Jahr.

Tagaki Oriuemon gab die Geheimnisse der Tagaki-Ryu seinem Sohn, Tagaki Umanosuke (1656-?), der begann, Tagaki-Ryu als komplexes Bujutsu öffentlich zu unterrichten. Umanosuke nannte seine Technik Tagaki-Ryu Taijutsu Kosinomawari oder Emono-dori ("Besitz-Ergreifen von der Waffe") und arbeitete am liebsten mit dem Speer. Zu seinen Lebzeiten verbreitete sich Tagaki-Ryu in vielen Gebieten von Owari. Einen großen Beitrag zur Entwicklung der Tagaki-Ryu leistete auch Umanosukes Sohn Tagaki Gennoshin. Gennoshin wurde Yamabushi und zog sich auf den heiligen Berg Kumano zurück, wo er andere Shugenja kennen lernte, z.B. Okuni Kihei, den Begründer der Kuki Shinden-Ryu. Nachdem die beiden Meister ihre eigenen Schulen miteinander verglichen hatten, stellten sie fest, dass Tagaki-Ryu in Jujutsu stärker war, Kukishin-Ryu dagegen in Fechten-Bo. Daraufhin beschlossen die Meister, ihre Kenntnisse zu vereinen; dabei wurden zu Tagaki-Ryu Techniken des Langstock-, Speer- und Hellebardenkampfes aus Kukishin-Ryu hinzugefügt; Kukishin-Ryu übernahm von Tagaki-Ryu viele Techniken des Jujutsu. Nach der unvergesslichen Begegnung von Gennoshin und Okuni Kihei heißt die Technik des waffenlosen Kampfes in Tagaki-Ryu" Dakentai-Jutsu - übersetzt etwa "die Kunst des Schlagens mit den Fäusten gegen einen Körper".

Mit der Zeit teilte sich Tagaki-Ryu in 3 Zweige. Einer der Zweige, der von Ishitani Takeoi Masaji, bekam den Namen Ishitani Takagi Yoshin-Ryu. Unter den Schülern von Ishitashi waren sein Sohn Ishitani Matsutaro und Takamatsu Yoshiyoshi (der Vater von Takamatsu Toshitsugu). Als Kind lief Matsutaro weg von zu Hause, weil er die Härte des Trainings, zu dem ihn sein Vater zwang, nicht ertragen konnte, und erlernte die Schule Kukishin-Ryu bei Akyama Yotaro und fügte dann später Tagaki Yoshin-Ryu und Kukishin-Ryu zu einem System zusammen, das er Takamatsu Toshitsugu beibrachte. Der Letztere erlernte auch die Tradition der Fujita Tagaki-Ryu.

Daraus kann man ersehen, dass Tagaki-Ryu, wie auch Kukishinden-Ryu, keine Verbindung zu Ninjas hatte - außer man glaubt den durch keine Fakten gestützten Behauptungen Hatsumis, die Familie Ishitani wäre eine Chunin-Familie aus Iga gewesen. Allerdings übernahm die Familie die Schule Tagaki-Ryu von "Samurais" erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Dabei stammt die ganze Wurftechnik des Bujinkan eben aus der Tagaki Yoshin-Ryu. Während die beiden oben erwähnten Schulen unbeschadet unsere Zeit erreicht haben und nun in Dutzenden von Dojos in ganz Japan von Meistern gelehrt werden, die nichts mit der Linie Takamatsu-Hatsumi zu tun haben, sind die restlichen 7 Schulen nur diesen zwei "Ninjas" eigen. Auf Grund der Tatsache, das es keine schriftlichen Quellen gibt, müssen wir uns nur auf die Berichte von Hatsumi Masaaki stützen.

Als die älteste dieser Schulen gilt die Gyoko-Ryu - "Schule des Jaspis-Tigers" - in der Koshijutsu, "die Kunst der knöchernen Finger" oder Methoden des Angreifens von verwundbaren Punkten mit den Fingern, gelehrt wird. Laut Takamatsu Toshitsugu liegen die Wurzeln dieser Schule im China der Dynastie T’ang. Es wird angenommen, dass die Grundlage dieses Systems entweder von einem kaiserlichen Leibwächter, der sich nicht durch eine besondere Körpergröße und physische Kraft auszeichnete, oder von einer Prinzessin oder einer Hofdame geschaffen wurde. Nach dem Zerfall des T’ang-Reiches im Jahre 907 flohen viele Aristokraten nach Japan. Unter ihnen war auch der Befehlshaber Tyo Gyoko, der die Japaner mit der Lehre des Koshijutsu (Methoden des Angreifens von verwundbaren Punkten mit den Fingern). Diese Lehre wurde über mehrere Jahrhunderte in der Familie Suzuki weitergegeben; im 16. Jh. übernahm sie der Sakagami-Clan, dessen Mitglied Sakagami Taro Kunishige der offizielle Begründer der Schule Gyokko-Ryu Shitojutsu - "die Kunst der Fingerspitze" war. Zum Oberhaupt der Gyokko-Ryu wurde später der Rechtskundige Mönch Gyokkan - die Betrachtung des Jaspisses. Diese Technik brachte er 4 Meistern bei: 1) Sasaki Gendai Sadayashi, dessen Sohn, Sasaki Goroemon Akiyori, später die Schule Gyokushin-Ryu, die nun zum Bujinkan gehört, gründete; 2) Suzuki Daijen Tikamasu, dessen Nachfolger in der 4. Generation, Fukao Tsunouma Shigeyoshi, die verloren gegangene Koppojutsu-Schule Ijumo-Ryu ("die Kunst der Lehre über die Knochen", in der gewaltige Schläge und Stöße mit den Händen und Füßen, um die Knochen des Gegners zu beschädigen, gebraucht werden) gründete; 3) Akimoto Kawati-no Kami Yoshi, dessen Schüler, Uryu Hangan (der Richter) Gikanbo, die nun zum Bujinkan gehörende Koppojutsu-Schule Gikan-Ryu gründete; 4) Toda Sakyo Issinsai, der Koppojutsu-Schule Koto-Ryu gründete und Gyokko-Ryu bzw. Koto-Ryu angeblich dem berühmten Jonin, Momochi Sandayu, weitergegeben haben soll.

Die 4 Schulen des Bujinkan - Gyokko-Ryu, Gyokushin-Ryu, Gikan-Ryu und - mit gewissem Vorbehalt - auch Koto-Ryu (Hatsumi behauptet, Koto-Ryu gründet auf den Techniken, die vom Befehlshaber Tyo Bushyo, der aus einem der koreanischen Reiche geflohen war, übermittelt wurde) - sind nicht eigenständige Schulen, sondern lediglich Meister-Variationen einer und derselben Technik. Diese Schulen sind nur im Bujinkan erhalten geblieben; die einzige Quelle über ihre Geschichte sind "mündliche Überlieferungen" von Toda Shinryuken Masamitsu. Es ist klar, das "mündliche Überlieferungen" eines Menschen, der auf der Schwelle des 19.-20. Jh. lebte, in keiner Weise den authentischen schriftlichen Quellen des 16. Jh. gleichgesetzt werden dürfen - alleine schon aus dem Grunde, weil das menschliche Gedächtnis ein schlechter Bewahrer des Wissens ist. Außerdem beinhalten die Stammbäume, die von Toda überliefert wurden, Dutzende, wenn nicht Hunderte von Namen, die in keinen schriftlichen Quellen erwähnt werden!

Interessant ist auch der technische Inhalt dieser 4 Traditionen. Charakteristisch für sie sind Stöße mit der Spitze des Daumens (Boshi-ken) oder mit einem Glied des Zeige- oder Mittelfingers bei senkrechter Lage der Faust und auch schneidende Faustabschläge ähnlich wie Uraken-Uchi des Karate. Allerdings sind diese Techniken Standardtechniken solcher berühmter Schulen wie Kuki Shinden-Ryu und Tagaki Yoshin-Ryu. Außerdem sind Techniken dieser Art für den Kampf mit den Gegnern, die keine Rüstung tragen, bestimmt; doch solche Jujutsu-Systeme sind in Japan erst im 17. Jh. entstanden, als im Lande Frieden herrschte und Rüstung immer seltener benutzt wurde. Es ist bezeichnend, dass Kuki Shinden-Ryu und Tagaki Yoshin-Ryu, in denen ebenfalls Techniken des Angreifens von verwundbaren Punkten gelehrt werden, erst im 17.Jh. entstanden sind. Außerdem unterscheidet sich die Wurftechnik der 4 Geheimschulen fast in nichts von der in der Tagaki Yoshin-Ryu.

Am wenigsten ist dem Verfasser über die Dakentai-Jutsu Shinden Fudo-Ryu - "die Schule der göttlichen Vermittlung der Unbewegtheit" - bekannt. Laut Hatsumi war ihr Begründer Ijumo Kanja Yoshiteru, der im 12. Jh. gelebt haben soll. Es ist interessant, dass Hatsumi Ijumo Kanja Yoshiteru auch Begründer der Kuki Shin-Ryu nennt. In der offiziellen Genealogie dieser Schule, die in "Bugei Ryuha Daijiten" veröffentlicht ist, wird jedoch diese Person nicht erwähnt; eine wichtige Rolle spielt dagegen Ijumo-no Kanja Yoshihide, der 1349 das Dakentai-Jutsu-System Kishin-Ryu gründete, welches auch Okuni Shigenobu, Begründer des "äußeren" Zweiges der Kuki Shinden-Ryu, erlernte. Ijumo-no Kanja Yoshiteru spielt eine wichtige Rolle auch in der Ninjutsu-Genealogie, die von Takamatsu Toshitsugu zusammengestellt wurde. Laut dieser Genealogie stellt Ninjutsu eine Kunst dar, die sich aus einer einzigen Wurzel entwickelte.

Takamatsu behauptet, dass alle Kampfkünste der Bewohner von Iga auf den chinesischen Befehlshaber Ikai (andere Lesart: Iin), der aus China fliehen musste und sich in einer Höhle auf dem Berg Takao in Iga niederließ, zurückgehen. Das soll etwa zwischen 1040 und 1050 passiert sein. Ikai soll sich ausgezeichnet in allen Aspekten der Kriegskunst ausgekannt und in Perfektion Koshijutsu beherrscht haben. In den Bergen von Iga soll er die ortsansässigen Yamabushis, Gamon Doshi (Fujiwara Tikata) und Hoembo Tessin, kennen gelernt und ihnen die Geheimnisse des Koshijutsu sowie die Tarnungstechnik Hityo-no Kakuregata, "der fliegende Vogel", übermittelt haben. Eben von ihnen soll die ganze Tradition des Iga-Ninjutsu stammen. Ein Schüler von Gamon Doshi, Garyu Doshi, gab sein Wissen weiter an Iga Heinai Yashukyo, den Begründer der berühmten Ninjutsu-Schule Iga-Ryu, oder Kumogakure-Ryu - "die Schule der Tarnung in den Wolken" (nach seinem Kampfnamen), aber auch an Hatiryu Nyudo und den bereits erwähnten Ijumo-no Kanja Yoshiteru. Hatiryu Nyudo brachte Ninjutsu-Geheimnisse Tojawa Hakuunsai (Hakuun Doshi) bei, der als Begründer der Ninjutsu-Schule Hakuun-Ryu und erstes Oberhaupt der Kossijutsu-Schule Gyokko-Ryu gilt, und auch dem berühmten Spionageführer Minamoto Yoshitsune - Ishe Saburo Yoshimori, einem Zauberer und Einsiedler namens Hogen und auch Kimon Haybey. Kimon Haybey brachte Kain Doshi Ninjutsu bei, der seinerseits Togakure Daishuke unterrichtete, welcher das Togakure-Ryu-Ninjutsu, die wichtigste Schule des Bujinkan, schuf. Mit Tozawa Hakuunsai beginnt die Linie der Weitergabe des Ninjutsu, mit der auch Sakagami Taro Kunishige, der offizielle Begründer der Schule Gyokko-Ryu, aber auch der berühmte Jonin Momochi Sandayu, Toda Sakyo Ishinsai, der offizielle Begründer der Koto-Ryu, und auch die Natori-Familie verbunden sind. Die Linie der Ninjutsu-Weitergabe von Togakure Daishuke über Shima Kosanta erreicht die Toda-Familie und Takamatsu Toshitsugu bzw. Hatsumi Masaaki persönlich, und über Hata Saburo die Familien Ueno, Narita und Toda Gohey.

In diesen Stammbaum wurden fast alle berühmten Ninjas aus Iga und Koga eingetragen, die hier durch Vererbung und Weitergabe eingebunden sind. Der Ursprung des Ninjutsu wird auf die Nachfolger des Shugendo zurückgeführt, und Togakure-Ryu wird als Kerntradition des Iga- und Koga-Ninjutsu dargestellt. Ein wunderbares Bild, in welchem jeder berühmte Ninja seinen eigenen Platz hat! Unklar ist allerdings, warum weder Togakure-Ryu noch die Familie Toda in geschichtlichen Quellen erwähnt werden.

Die meisten japanischen Forscher reagierten auf diesen Stammbaum mit Skepsis. Yamada Tadashi und Watanani Kiyoshi z.B. schreiben in "Bugei Ryuha Daijiten" über diesen Stammbaum folgendes: "Unter Verwendung der in der Zeit nach Tayshyo (1912.7-1926.11) modischen Literatur über Ninjutsu schuf Takamatsu Toshitsugu eine neue Genealogie dieser Kunst. <...> Diese Genealogie, gegründet auf Angaben von Legenden, ist voller Verschönerungen; reale Persönlichkeiten, die uns aus historischen Quellen bekannt sind, werden neben ausgedachte oder legendäre Helden gestellt. Deswegen ist es unmöglich, der Zuverlässigkeit dieser Genealogie zu glauben."

Und tatsächlich: Keine geschichtlichen Quellen zeigen z.B. die Weitergabe dieser Kampfkunst von Fujiwara Tikata, der in Takamatsus Genealogie als Gamon Doshi aufgeführt wird, zu Iga Heinai Yashukyo oder die Vermittlung von Ninjutsu-Geheimnissen vom mythischen Tojawa Hakuunsai (es ist interessant zu wissen, dass diesen Namen auch der berühmte Ninjutsu-Meister der Koga-Ryu im 16.Jh hatte ) zu Momochi Sandayu. Die Genealogie leugnet häufig den tatsächlichen geschichtlichen Prozess einer allmählichen und allgemeinen Anhäufung von Wissen im Bereich Spionage und Aufklärung sowie den realen geschichtlichen Hintergrund dieses Prozesses, z.B. all die Peripetien mit der Familie Hattori oder die Aussonderung von Fujibayashi und Momochi aus dieser Familie. Es ist bezeichnend, dass weder Hattori noch Fujibayashi in diese Genealogie aufgenommen wurden.

Umstritten ist auch die Persönlichkeit des "Urbegründers" Ikkai. Laut Hatsumi Massaki war Ikkai Befehlshaber des Kidan-Staates und musste nach einer Niederlage gegen die chinesische Dynastie Sun nach Japan fliehen. Doch in jedem Werk über die Geschichte Chinas kann man nachlesen, dass der Höhepunkt der Angriffe der Kidaner auf China Ende des 10.Jh. stattfand und dass es den Chinesen erst 1004 gelungen ist, Frieden mit ihnen zu schließen. Die Friedensbedingungen waren dabei sehr ungünstig: Die Chinesen mussten den Kidanern jährlich sehr großen Tribut zahlen. Doch die Angriffe der Kidaner hörten auch danach nicht auf und die Chinesen konnten dagegen nichts ausrichten. Erst im Jahre 1125 gelang es China mit Hilfe der Tchurtchaner den kidanischer Staat Lyao zu besiegen. Aus diesem Grunde ist die Legende von der Flucht Ikais nach Japan Mitte des 11. Jh. absolut nicht haltbar.

Doch das ist nicht das wichtigste Argument gegen die Genealogie von Takamatsu und Hatsumi. In "Bugei Ryuha Daijiten", im Kapitel über Togakure-Ryu heißt es: "Er (Takamatsu Toshitsugu) behauptete, er habe diese Genealogie (und auch solche "Ninja"-Schulen wie Gyokko-Ryu, Koto-Ryu, Gyokushin-Ryu, Shinden Fudo-Ryu, Gikan-Ryu, Kumogakure-Ryu und Togakure-Ryu - sollten wir von uns hinzufügen) durch die mündliche Übergabe (Koden) von Toda Shinryuken Masamitsu erhalten. Doch Toda Shinryuken (Ishinsai) starb im Alter von 73 Jahren im 13.Jahr Meiji (1879). Takamatsu aber wurde erst 4 Jahre nach dem Tod von Toda geboren! Das ist eine der geheimnisvollsten Seiten in der Geschichte des Bujinkan. Das Problem besteht darin, dass verschiedene Quellen unterschiedliche Daten des Lebens von Toda Shinryuken Masamitsu und Takamatsu Toshitsugu liefern. In "Bugei Ryuha Daijiten" im Artikel "Gyokko-Ryu" heißt es, Toda Shinryuken Masamitsu sei am 6.Dezember im 4. Jahr Meiji (1870) gestorben. Die Anhänger des Bujinkan bestehen darauf, dass Toda Shinryuken 1824-1909 und Takamatsu Toshitsugu 1887-1972 gelebt haben. Zu diesem Wirrwarr der Daten sollte man weitere interessante Details hinzufügen. In der offiziellen Genealogie der Tagaki-Ryu-Meister, die in "Bugei Ryuha Daijiten" veröffentlicht ist, wird Takamatsu Yoshiyoshi - der Vater von Toshitsugu - erwähnt, der aus den dem Verfasser unklaren Gründen in keiner der Arbeiten über die Geschichte des Bujinkan auftaucht. Offensichtlich war eben er der erste Lehrer seines Sohnes. Es ist bezeichnend, dass sein Name nur in der Genealogie der Tagaki-Ryu erwähnt wird. Dabei stellt sich die berechtigte Frage: Wie konnte es passieren, dass der Sohn von Toda Shinryuken nicht mit den "geheimen Traditionen" von Gyokko-Ryu, Koto-Ryu, Togakure-Ryu etc. vertraut war, aber sein Enkel zu ihrem Erben wurde?

Außerdem werden in den Arbeiten der Bujinkan-Anhänger andere Lehrer von Toshitsugu erwähnt, die mit den Traditionen der Kukishi-Ryu und der Tagaki-Ryu verbunden waren: Mizuta Yoshitaro Tadafusa, Tsunono Yaheita Masayoshi und andere. Übrigens: alle Quellen, die nichts mit Bujinkan zu tun haben, nennen Toda Shinryuken Kendo-Instruktor in einer Militärschule.Was stellen also diese "Ninjutsu-Schulen" Togakure-Ryu und Kumogakure-Ryu dar? In einem vor kurzem von einer japanischer Firma "Quest" veröffentlichten Lehrfilm "Ninpo Taijutsu der Schule Togakure-Ryu" werden mehrere Dutzend Nahkampftechniken unter Verwendung von Blendpulver vorgeführt. Es werden auch Techniken mit Eisenhandschuhen (Shuko) und Shuriken gezeigt. In "Ninja-Gesprächen" (= "Ninjutsu.History and Traditions" von Dr. Hatsumi - Anmerkung des Übersetzers) behauptet Hatsumi, "Togakure-Ryu lehrt Ninpo-Taijutsu mit einigen geheimen Waffenarten, wie z.B. Shenban (eine Shuriken-Art), Shindodake (Rohr zum Atmen) und Shuko". Was die Kumogakure-Ryu anbetrifft, so wird behauptet, "für diese Schule ist eine ähnliche Taijutsu-Form unter Verwendung von Kamayari (eine Lanzen-Art mit einem seitlichen sichelförmigen Ansatz)". Außerdem sei nach Hatsumis Worten "in Togakure-Ryu <...> alles Beste, was es in 9 Ryu gibt, gesammelt". Nach der Analyse der Genealogien der Bujinkan-Schulen können diese Behauptungen nur Unverständnis auslösen, weil zumindest 2 von ihnen - Kuki Shin-Ryu und Tagaki Yoshin-Ryu - nichts mit Togakure-Ryu zu tun haben. Unter dem Namen "Ninjutsu" lehrt Hatsumi Masaaki eigentlich eine Jujutsu-Art.

Manche Ninja-Tricks scheint er offensichtlich doch zu beherrschen. Der englische Journalist Clifford Harrington erzählt: "Als wir uns unterhielten, nahm Hatsumi Yoshiaki eine große Traube und verschluckte sie. Dann setzte er das Gespräch fort (dabei hatte ich diese Kleinigkeit bereits vergessen); plötzlich öffnete er den Mund, steckte 2 Finger tief in den Hals und ... nahm die unversehrte Traube heraus. Nach Hatsumis Worten wurden auf diese Weise früher Geheimnachrichten überbracht... Der (Vorführ-) Kampf endete damit, dass der Ninja zu der Mauer seines einstöckigen Hauses lief, einen ans Seil gebundenen Wurfanker aufs Dach warf und in ein paar Sekunden hinaufkletterte. Dabei halfen ihm spezielle Knoten am Seil, die er wie Stufen einer Leiter benutzte". Hatsumi Masaaki war, entgegen den vielen Behauptungen in verschiedenen Artikeln, nicht der einzige Schüler von Takamatsu Toshitsugu. Im Gegenteil: Takamatsu hatte sehr viele Schüler. Hatsumi konnte Takamatsu nur mit Hilfe seines ersten Lehrers Ueno Ki Tyoshui, der persönlicher Schüler Takamatsus war, kennen lernen. Ueno Ki Tyoshui (Ki Tenshin) war Nachfolger eines der Kuki Shin-Ryu-Zweige, der einen besonders langen offiziellen Namen hatte: Hontai Kishin Ueno tenshin-Ryu Kuki Shinden Dakentai-Jutsu, "Dakentai-Jutsu der göttlichen Tradition der Familie Kuki der Hauptschule des himmlischen Herzens der Familie Ueno der Richtung Kishin"; dieser Name wurde später durch einen kürzeren ersetzt: Shinto Tenshin-Ryu, "die schintoistische Schule des himmlischen Herzens".

Den Grund dieser Schule legte Ueno Tatsuemon Tatsukara, der Anfang des 17. Jh. die Kenjutsu-Technik der Katori Shinto-Ryu mit den Schmerztechniken Toride der Itiden-Ryu vereinte. Seine Nachfahren übernahmen später viel aus dem Arsenal der Schulen Kuki Shin-Ryu und Tagaki-Ryu, aus Kenjutsu der Schule Hojan-Ryu und Koppojutsu der Schule Itijo Funi-Ryu. Die Synthese mit anderen Kampfkunstschulen setzte auch das 8. Oberhaupt Ueno Ki Tyoshui fort, der zur Familientradition Karate-Techniken der Schulen Shito-Ryu und Shindo Jinen-Ryu, des chinesischen Kempo und verschiedene Techniken der großen Bujutsu-Schule Asayama Itiden-Ryu hinzufügte. Auf diese Weise erlernte Hatsumi Masaaki zuerst eben die Schulen, die von Takamatsu Toshitsugu gelehrt wurden, aber nicht in reiner Form, sondern als eine komplexe Mischung. Es ist bezeichnend, dass viele Schüler Uenos nach dem Tod des Meisters zu Okuyama Ryuho, dem Gründer einer modernen Jujutsu-Schule Hakko-Ryu, übergingen und den Kern seiner nächsten Mitstreiter und Ausbilder bildeten.

Die Schlussfolgerungen unserer Analyse des Bujinkan-Ninjutsu: Auf Grund der vorhandenen Daten darf man schließen, dass Bujinkan ein komplexes synthetisches System des Nahkampfes darstellt, in dem Traditionen alter Schulen des Bujutsu, aber auch der späteren Karate-, Aikido und vermutlich sogar chinesischen Kempo-Schulen gesammelt sind. Es ist offensichtlich, dass fast das ganze technische Arsenal des Bujinkan - der Umgang mit Waffen und fast die ganze Wurftechnik Taijutsu - von den Schulen Kuki Shinden-Ryu und Tagaki Yoshin-Ryu übernommen wurde, von den Schulen also, die keinen Bezug zu den Ninja-Clans aus Iga und Koga haben. Es ist aber gut möglich, dass Hatsumi tatsächlich einige Kampftechniken der "Nacht-Krieger" erlernte. Eines kann man aber eindeutig sagen: Hatsumi Masaaki lehrt kein Ninjutsu. Das beweist schon das Unterrichtsprogramm des Bujinkan. Vielsagend ist auch das Verhalten der japanischen Regierung gegenüber Hatsumi und seiner Organisation. Das Verhältnis ist absolut loyal - Hauptsache, "es ist Ruhe im Haus". Hätte Hatsumi eine "harte" Schule zur Ausbildung von Spionen, Diversanten, Terroristen und Killer geschaffen, wäre das Verhältnis bestimmt anders. Also, obwohl Hatsumi Masaaki ein Kampfkunstmeister ist, ist er kein Ninja, egal wie sehr sich das Zehntausende seiner Anhänger wünschen.

Als die älteste Ninjutsu-Schule gilt für den Autor des Buches die Tenshin Shodan Katori Shinto-Ryu. Als der letzte echte Ninja gilt für den Autor Fujita Seiko, das 14. Oberhaupt der Ninjutsu-Schule Koga-Ryu des Zweiges Wada-ha. Er war direkter Nachkomme des berühmten Ninja aus Koga Wada Iga-no Kami.


 

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